Indien und der Westen
Bilder und persönliche Gedanken zu menschlicher
Kultur
in Ost und West
von Ulrich Stadter
Indien, das Ursprungsland des
Yoga,
verfügt über eine Kultur, die alt ist - sehr, sehr alt.
Warum konnte diese
Kultur
überhaupt so alt werden?
Meine Meinung ist:
nicht etwa deswegen, weil das alles 'soo' einen
Bart hätte und überholt wäre, nein.
Diese
Kultur
- und eben auch der Anteil daran, den die Yoga-Wissenschaft darstellt -
ist nicht etwa überholt,
sie ist meiner Ansicht nach im Gegenteil bis jetzt nicht einmal
eingeholt von irgend einer sonstigen Kultur weltweit.
Wie komme ich dazu, das zu behaupten?
Es hat zu allen Zeiten in allen Ländern heilige und weise Menschen gegeben,
die ethische Grundlagen lebten und lehrten, auf denen eine
jede glückliche Gesellschaft aufbaut -
-
siehe die zehn biblischen Gebote bzw.
-
die zehn 'Yamas und Niyamas' im
Yoga,
-
siehe die sich wie von
selbst etablierenden, praktisch überall ähnlich lautenden 'allgemeinen Geschäftsbedingungen' in der
weltweiten
(! also unabhängig von Land, Glaubensgemeinschaft usw.!)
Internet-'Community':
keine Gewaltverherrlichung, kein Rassismus etc.
'In, um und um Indien herum' gab es
- und gibt es immer noch -
offenbar besonders viele solcher Menschen, die diese ethischen Grundlagen sehr
konsequent und mit Gott als ganz klarem 'Polarstern' auch tatsächlich leben.
Sie haben dort ihren festen Platz in der Gesellschaft.
Die lebens- und kulturfördernde Eigendynamik, die sich daraus entwickeln konnte,
will ich an dieser Stelle einmal umschreiben als
sozusagen das Gegenteil von dem, was wir einen Teufelskreis zu nennen pflegen.
Sie können es meinetwegen einen 'Engelskreis' nennen, der sich selbst trägt.
Sie sehen bereits:
wir haben im Deutschen leider nicht einmal ein offizielles Wort dafür.
Oder kennen Sie eines?
Im folgenden will ich etwas ansprechen, das ich in Europa leider etwas vermisse im Gegensatz zu Indien
(ich bin in den 90er Jahren zweimal dorthin gereist)
Erst dadurch, daß ich selbst erlebt habe, wie 'es' sein kann, war mir nachvollziehbar,
was bereits Anfang des 20. Jahrhunderts
der bekannte
Swami Vivekananda
nach seinen Erfahrungen in Amerika geäußert hat, nämlich daß er erschüttert über den 'Ungeist' des Westens sei.
Leider ist z.B. in Europa die Etablierung solch einer lebensfreundlichen spirituellen Eigendynamik
momentan nicht so fortgeschritten, daß sie sich selbst tragen würde.
Ein Abendländer, der immer nur abendländische Verhältnisse mitbekommen hat, kann das nicht wissen
- wie sollte er auch? Wir neigen da sozusagen
zur kulturell-defizitären Betriebsblindheit.
Wie jedes Land auf dieser Welt hat selbstverständlich auch Indien seine Schattenseiten.
Trotzdem lassen sich einige meiner diesbezüglichen Erlebnisse durchaus auch unter dem Motto
»Lachen ist gesund«"
sehen ...
Uli Baba und die vierzig Verkäufer
Eine meiner
(nicht sehr zahlreichen)
unangenehmen Erinnerungen an Indien war ein ständiges
- ich muß es leider so nennen -
'Angequatscht-werden' auf der Straße.
Nicht, daß ich das etwa nur von Indien her gekannt hätte.
Meine Mutter war mit mir in den 70er Jahren mehrmals in die Türkei gereist. Dort konnte ich
dasselbe Problem (das ich bei den Türkeireisen übrigens als bei weitem nicht so schlimm empfand wie später in Indien,
aber damals hatte ich den Vergleich
nicht und es hat mir durchaus 'gereicht') auf sehr einfache Weise lösen,
indem ich mir kurzerhand eine Türkische Pluderhose kaufte und anzog.
Ich wurde freundlich auf Türkisch gegrüßt,
grüßte selbstverständlich genauso freundlich mit einigen frisch angelernten Vokabeln
zurück und konnte mir alles in Ruhe anschauen, ohne daß irgendjemand auf die Idee gekommen wäre,
mir irgendetwas 'andrehen' zu wollen, das mich
gar nicht interessierte.
Leider wollte mir im Gegensatz dazu später bei den Indienreisen trotz intensiver Überlegungen kein vergleichbarer
'Trick' einfallen.
Der Grund war der, daß die Inder, die ich dort sah,
nicht etwa in Pluderhosen, sondern in einer Art Englischer Hosen herumzulaufen pflegten
und vor allem auch der,
daß aus Letzteren unten meist in Sandalen steckende,
mit reichlich südländisch-sonnenbraunen Hautpigmenten
ausgestattete Füße ragten und deren Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein
offenbar 'Verkäufer' aller Art als untrügliches Signal
zur blitzartigen Klärung der Frage "Tourist - ja oder nein?" zu nutzen schienen.
Der Anblick geschlossener Schuhe bedeutete anscheinend für den achtsamen Händler bereits 'Alarmstufe zwei',
nämlich: hier droht ein relativ kapitaler Geldbeutel zu lauern.
Wenn außerdem oben aus dem Kragen unvorsichtigerweise ein Europäisches Gesicht blickte,
so schien die Einsatzbereitschaft aufseiten der Geschäftemacher derart explosionsartig anzuwachsen,
daß sich in praktisch nahtlosem Übergang zur gefürchteten Alarmstufe drei
eine wohlvorbereitete, hochmodern auf Interaktivität hin angelegte Werbesendung vollautomatisch entsicherte,
um die von ihrer potentiellen Betriebsdauer her eindeutig gegen unendlich gehende
schallträchtige Lockreizverströmung durch das körpereigene Megaphon freizugeben:
"Sir, what's your name?
Sir, what's your country?
Sir, what's your language?
Sir, what's your Kreditkartengeheimnummer?
Sir, what's your Unterhosengröße? ..."
Wenn ich nicht sofort reagierte, versuchten es manche mit vereinfachten, wenn auch deswegen noch lange nicht etwa
einfacher zu ertragenden Formeln. Vielleicht hatte ich ihrer Meinung nach etwas nicht verstanden und so sah ich mich
prompt verdonnert zu einer Stunde Nachsitzen auf dem akustischen Nagelbrett:
"Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir, Sir ..."
Wenn auch der Titel dieser Kurzgeschichte
(mehr symbolisch)
darauf schließen läßt, daß ich obendrein von Glück reden konnte, wenn es nur
ein oder zwei dieser aufmerksamen Menschen gleichzeitig waren, habe ich sie nicht etwa gezählt
- was ohnehin nicht mit Aussicht auf Erfolg
gekrönt gewesen wäre, denn ich hätte das Ergebnis ständig nach oben hin korrigieren müssen.
Hätte ich also damit angefangen, so wäre ich vermutlich bis heute beschäftigt ...
Liebe LeserInnen, an dieser Stelle könnten Sie mich selbstverständlich fragen,
wieso ich dann nicht gleich als 'Tarnung' etwa die für Indien typische
Kopfbedeckung namens Turban angelegt habe. Es gibt schließlich auch einige
hellhäutige Menschen in Indien, sodaß ich unter dem Aspekt nicht unbedingt gleich aufgefallen wäre.
Nun - ich selbst hätte darin prinzipiell auch kein Problem gesehen,
wenn nicht 'der Herr' mir diesbezüglich bereits eine gewisse
Lektion erteilt gehabt hätte.
In diesem Zusammenhang mag ich mich entsinnen an ein, wie ich fand, recht amüsantes und für mich überraschenderweise
'besonders Indisches' Erlebnis.
Der vermeintliche Turban
In einem
Hotel
in Delhi hatte ich mir soeben die Haare gewaschen
und mir in Ermangelung eines Föns ein Handtuch um den Kopf gebunden. Ich wollte
irgendetwas holen in einem benachbarten Hotelzimmer, wofür ich den Gang überqueren mußte.
Da geschah es, daß mir auf diesem Weg ein Indischer Hotelangestellter begegnete
(es war ein großes
Hotel
mit vielen Angestellten und Gästen unterschiedlicher
Nationalitäten, also dieser Mensch kannte mich nicht etwa und wußte auch nicht um meine nationale Herkunft).
Mich so erblickend mit dem Handtuch um den Kopf,
öffnete der Herr zeitgleich seinen Mund und eine Sprechblase mit aufmerksam-respektvoller
Tonfärbung sowie für mich leider nur als seltsame Hieroglyphen erkennbarem Inhalt.
Daraufhin schaute er mich erwartungsvoll an.
Ich ging davon aus, daß es sich bei seinen Worten um eine Art speziellen Gruß gehandelt haben mußte,
der zur Aufrechterhaltung der
kosmischen Ordnung eine ebenso spezielle Rückantwortformel verlangte
und den irrtümlicherweise gesagt zu bekommen
vielleicht vor mir noch nie in der langen Geschichte Indiens einem Westeuropäer vergönnt gewesen war
und so nickte und lächelte ich freundlich, allerdings stumm wie ein Fisch, zurück.
Immerhin meinte ich seinen darauffolgenden Blick treffsicher übersetzen zu können als ein Mitteleuropäisches Fragezeichen.
Währenddessen blätterte in meinem Kopf jemand in Lichtgeschwindigkeit alle Wörterbücher durch, die ich jemals gelesen hatte,
jedoch kam die Meldung:
"leider keine passenden Ergebnisse gefunden".
Ich hatte in diesem Moment weder eine Ahnung, was ich sagen sollte,
noch wer oder was genau ich war - zumindest 'in den Augen des Herrn'.
Mein Mund indes ertrug diesen Zustand nicht länger,
drängelte sich verwegen nach vorne
und rang sich in blindem Gottvertrauen dazu durch,
wenigstens irgendetwas respektvoll Klingendes zu erwidern,
allerdings weiß ich nicht mehr, in welcher Sprache
- wobei der Begriff 'Sprache' hier ohnehin restlos übertrieben ist.
Genaugenommen spielt das auch keine so große Rolle,
denn es dürfte sich dabei sowieso nicht um ebendie Sprache gehandelt haben, von der
mein Gegenüber beim Anblick des vermeintlichen 'Turbans' offenbar ausgegangen war.
Im Laufe meiner Indienreisen habe ich mir sagen lassen,
daß Turbane zwar auch, aber nicht ausschließlich praktischen Zwecken wie dem Sonnenschutz dienen,
sondern überdies je nach Beschaffenheit und Farbe bestimmte Bedeutungen haben können.
So läßt sich für Eingeweihte beispielsweise erkennen,
ob der Träger bestimmte heilige Orte in seinem Leben bereits
mehrmals besucht hat.
Unter diesem Aspekt warf sich die Frage auf,
ob das unbeschwerte Tragen eines beliebigen Turbans sozusagen ins öffentlich-indische Blaue hinein mir in
letzter Konsequenz tatsächlich die gewünschte Unauffälligkeit verschafft hätte ...
... oder ob ich mich vielmehr etwa
-
unversehens vor einer wild begeistert dreinblickenden und lauffeuerartig schnell anwachsenden Menge von
-
wo-möglich bewaffneten Sikhs oder sonstigen Menschen wiedergefunden hätte,
-
die es als eine an meinem Turban erkenntliche ganz außergewöhnlich große Ehrensache betrachtet hätten,
-
mir während der nächsten (und vielleicht auch zugleich letzten) Stunde meines Lebens aufmerksam ihr Ohr zu leihen,
wie ich eine glühende Rede
-
über das Thema 'Unsere besonders heiligen Orte'
-
in ihrer Nationalsprache
-
leider nicht halten kann.
Um die 'Sonnenseite' zu betrachten:
als unbeschreiblich beruhigend habe ich es erlebt, wie in Indien dieser über Jahrtausende gewachsene Frieden
mir sozusagen aus jedem Atom, aus jedem Stückchen Raum entgegenleuchtete
- ein tiefer, uralter Frieden, der ungeachtet aller
obengenannten 'Faktoren' deutlich spürbar war.
Etwas Vergleichbares habe ich in Europa nirgendwo erlebt,
nicht einmal in der Schweiz, die Manche bekanntlich auch mit dem Beinamen
»Insel der Seligen« zu bezeichnen pflegen.
Was mich auch sehr beeindruckt hat in Indien, war die Beobachtung von Tieren.
Eines Tages hatte ich gegessen und öffnete das Fenster, um einige Reiskörner hinauszuwerfen.
Es dauerte keine fünf Sekunden, da kamen
zwei bis drei Krähen angeflogen,
setzten sich vertrauensvoll auf den Tellerrand und pickten alles Verbliebene auf.
Danach flogen sie wieder weiter,
als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt gewesen. Nun - für die Krähen war es das wohl ...
Auch auf den Straßen beobachtete ich, wie die Tiere alle organischen Abfälle auffraßen.
Eine Kuh kam und nahm sich leere grüne Kokosnußschalen.
Die Hunde, Krähen und weitere Wesen mampften den Rest weg - es blieb nichts übrig!
Nichts - außer einer Plastiktüte.
Ich dachte bei mir: wer wird die jetzt wohl auffressen? Die Ziegen fressen zwar auch zum Teil Papier, aber
Plastik ...?
Da näherte sich geschwind ... nicht etwa ein Tier,
sondern eine sehr einfache Frau und nahm sich die Tüte mit, die ihr anscheinend gerade recht
gekommen war.
Selbst der Kot von Tieren wurde von noch winzigeren Tieren weggeputzt.
Ein organischer Kreislauf schien das zu sein, der den Menschen
wiederum einiges an Arbeit ersparte.
Trotzdem reinigten die Menschen selbstverständlich ihre Straßen außerdem.
Es gab auch lustige Begebenheiten mit Tieren.
Abgesehen von den Affen, die sowieso immer zu irgendwelcher Kurzweil aufgelegt waren, konnte
ich eines Tages an einem Fluß beobachten, wie eine ältere Dame aufgebracht einer Kuh nachhetzte,
die ihr anscheinend ein wertvolles Buch
stibitzt hatte!
Vielleicht war es die Bhagavad-Gita, die Hindu-Bibel.
Ich dachte mir:
das ist wahrscheinlich so eine heilige Kuh, die auch mal entsprechend geistige Nahrung möchte ...
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